Die Iglauer SprachinselGeschichte bewahren · Zusammenhänge verstehen
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Geschichte

Protektorat

Iglau und die Errichtung des Protektorats

Die Iglauer Sprachinsel gehörte nicht zu den im Herbst 1938 an das Deutsche Reich abgetretenen Sudetengebieten. Iglau und seine Umgebung wurden am 15. März 1939 von deutschen Truppen besetzt. Am folgenden Tag, dem 16. März 1939, wurde das Protektorat Böhmen und Mähren durch einen Erlass Hitlers errichtet. Die folgenden Rückblicke auf 1938 sind deshalb von der Entwicklung in Iglau zu unterscheiden.

Mit der Bildung des Oberlandratsbezirks Iglau am 1. September 1939 blieb die Sprachinsel zunächst verwaltungsmäßig geteilt: Der südliche Teil unterstand Iglau, der nördliche Deutsch-Brod. Erst ab 1. Oktober 1940 wurde die gesamte Sprachinsel von Iglau aus verwaltet. Oberlandrat war seit 1939 Eugen Fiechtner, der vom Landratsamt Backnang kam.

Am 15. März 1939 besetzten örtliche deutsche Turner unter Emanuel Sladek das Staatspolizeiamt und übernahmen das Stadtamt. Damit setzte auch auf örtlicher Ebene die Übernahme der Behörden durch die nationalsozialistischen Machthaber ein.

Verfolgung unter nationalsozialistischer Herrschaft

Unter der nationalsozialistischen Herrschaft wurden jüdische Menschen entrechtet, enteignet und deportiert; viele wurden ermordet. Im Protektorat führte der Weg zahlreicher jüdischer Verfolgter über Theresienstadt in die Vernichtungslager. Die tschechische Bevölkerung litt unter Besatzung, Repression und Terror. Zugleich wurden deutsche Gegner des Nationalsozialismus verfolgt und in Konzentrationslager verschleppt. Bereits nach der Besetzung der Sudetengebiete 1938 hatte die Gestapo mit Unterstützung des Sudetendeutschen Freikorps Tausende Menschen verhaftet.

Die Verantwortung für diese Verbrechen lässt sich deshalb nicht pauschal nach der Herkunft „reichsdeutsch“ oder „sudetendeutsch“ trennen. Maßgeblich waren die jeweiligen Funktionen und Handlungen. Der aus Böhmen stammende Karl Hermann Frank übernahm als Deutscher Staatsminister 1943 weitgehend die Aufgaben des Reichsprotektors. Eine ganze Bevölkerungsgruppe wird dadurch ebenso wenig schuldig, wie die Herkunft eines Funktionärs ihn von seiner Verantwortung entlastet.

Die Verfolgung der ungarischen Minderheit nach 1945 gehört in einen anderen zeitlichen und räumlichen Zusammenhang. Sie wird im Kapitel „Vertreibung“ eingeordnet. Die hier genannten Gruppen bilden zudem keine vollständige Aufzählung der Opfer des Nationalsozialismus; auch Sinti und Roma wurden im Protektorat verfolgt und ermordet.

Zur Nachkriegsordnung und zur ungarischen Minderheit →

Das Protektorat

Das Münchner Abkommen und die Folgen

Großbritannien und Frankreich verlangten im September 1938 die Abtretung überwiegend deutsch besiedelter Grenzgebiete. Im Münchner Abkommen vom 29. September vereinbarten Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien den Beginn der Räumung am 1. Oktober und ihren Abschluss bis zum 10. Oktober 1938. Die Tschechoslowakei gehörte nicht zu den vier Vertragsparteien. Die Zustimmung unter dem Druck der Großmächte ist von der späteren völkerrechtlichen Bewertung des Abkommens zu unterscheiden. Quelle: avalon.law.yale.edu.

Adolf Hitler auf der Prager Burg, 15. März 1939.Adolf Hitler auf der Prager Burg, 15. März 1939. Bundesarchiv, Bild 183-2004-1202-505 · CC BY-SA 3.0 de.Konstantin von Neurath, Porträtaufnahme von 1933.Konstantin von Neurath, Porträtaufnahme von 1933. Robert Sennecke Internationaler Illustrations Verlag / Bibliothèque nationale de France · Public domain.Am 1. Oktober 1938 begann die Besetzung der abzutretenden Gebiete, am 5. Oktober trat Beneš zurück. Viele Sudetendeutsche begrüßten den Einmarsch als Befreiung von Benachteiligung und nationalem Konflikt. Dieses damalige Empfinden erklärt ihre Hoffnungen; es rechtfertigt nicht die nationalsozialistische Herrschaft und ihre Verbrechen. Die Iglauer Sprachinsel blieb im Herbst 1938 außerhalb der abgetretenen Gebiete.

Das im März 1939 errichtete Protektorat behielt mit Emil Hácha und einer eigenen Regierung formal tschechische Verwaltungsorgane. Nach Artikel 2 des Errichtungserlasses wurden die als volksdeutsch eingeordneten Bewohner deutsche Staatsangehörige und der deutschen Gerichtsbarkeit unterstellt. Die als Autonomie bezeichnete Verwaltung blieb nach Artikel 3 und 5 den Reichsinteressen und weitreichenden Eingriffsrechten des Reichsprotektors unterworfen. Von politischer Unabhängigkeit konnte keine Rede sein. Quelle: mzv.gov.cz; www.dhm.de.

Zeitgenössische Stimmen zur Krise

Die folgenden Zuschreibungen an die Times vom 3. Oktober 1938 und an Chamberlain vom 17. März 1939 sind aus dem älteren Beitrag übernommen. Ihr genauer Wortlaut ist bislang nicht anhand der Originalausgaben beziehungsweise des Redetextes gesichert.

Am 3.10.1938 schreibt die Londoner Times: "

...neben der Erhaltung des Friedens auch die Gewährung des Selbstbestimmungsrechtes der Deutschböhmen, 20 Jahre später, aber hoffentlich nicht zu spät."

Am 17. März 1939 sagte Chamberlain in einer Rede in Birmingham sinngemäß:

"Ein Problem, für das man hätte längst eine Lösung finden müssen, wenn die Staatsmänner der letzten 20 Jahre mehr Pflichtgefühl gehabt hätten."

Verfolgung und Besatzung

Die Kehrseite der als Befreiung empfundenen Annexion war die Verfolgung. Jüdische Menschen, deutsche Regimegegner und tschechische Bewohner waren von Flucht, Vertreibung und nationalsozialistischem Terror betroffen. Der Wehrmacht folgende Gestapo-Einsatzgruppen verhafteten mit Unterstützung des Sudetendeutschen Freikorps Tausende Menschen. Ein nahezu gewaltfreier Verlauf lässt sich daraus nicht ableiten. Das Recht auf Schutz vor Vertreibung hängt nicht davon ab, wie lange eine Familie an ihrem Wohnort lebte. Quelle: www.dhm.de.

Petschek-Palais in Prag, während der Besatzung Sitz der Gestapo. Aufnahme von 2022.Petschek-Palais in Prag, während der Besatzung Sitz der Gestapo. Aufnahme von 2022. Jklamo · CC BY-SA 3.0.Nach den Protesten im Herbst 1939 wurden am 17. November neun Studenten und Studentenfunktionäre erschossen; die tschechischen Hochschulen wurden geschlossen und zahlreiche Studenten inhaftiert. Schon unter Neurath bestanden Unterdrückung und Verfolgung. Im September 1941 übernahm Heydrich die Amtsgeschäfte. Der Prager Oberbürgermeister Otakar Klapka wurde am 4. Oktober 1941 hingerichtet. Alois Eliáš wurde am 1. Oktober 1941 zum Tode verurteilt, aber erst am 19. Juni 1942 auf Himmlers Befehl erschossen. Die Verantwortung der Besatzungsorgane lässt sich nicht pauschal nach reichsdeutscher oder sudetendeutscher Herkunft trennen. Das Nürnberger Urteil benennt auch Franks Zuständigkeit für SS und Polizei. Zwischenzeitlich hatte auch die nationalsozialistische Assimilationspolitik begonnen, die Verdeutschung der Tschechen mit der Kollaborationsaufforderung. Parallel dazu erfolgte die durch die Umstände erzwungene Abwanderung vieler Tschechen aus dem mehrheitlich deutschsprachigen Grenzland und die - allerdings vergleichsweise geringe - Zuwanderung von Deutschen mit dem anfänglichen Ziel einer Volkstumsbrücke zwischen der "Ostmark" und dem "Sudetengau", später in der Absicht einer punktuellen Ansiedlung als Organisationskerne der Verdeutschung. Das ganze Denkmodell der gewaltsamen Assimilation beruhte auf der Absicht, die in beiden Fällen bereits weit gediehene nationale Integration zu revidieren, indem günstige Rahmenbedingungen für die ethnische Überfremdung geschaffen wurden. In zwanzig Jahren, so meinte Hitler am 20. Mai 1942, könne die tschechische Sprache wieder auf die Bedeutung eines Dialekts herabgemindert werden. Quelle: avalon.law.yale.edu; www.vhu.cz; encyklopedie.brna.cz; mzv.gov.cz.

Für die hier auf den 20. Mai 1942 datierte Hitler-Zuschreibung fehlt noch die genaue Fundstelle in einer überprüften Quellenedition. Datum und Wortlaut sind deshalb nicht als gesichert anzusehen.

Heydrich und die Vernichtung von Lidice

Reinhard Heydrich, Porträtaufnahme von 1940.Reinhard Heydrich, Porträtaufnahme von 1940. Bundesarchiv, Bild 146-1969-054-16 / Heinrich Hoffmann · CC BY-SA 3.0 de.Die tschechoslowakische Exilführung bereitete die Operation Anthropoid vor. Jozef Gabčík und Jan Kubiš, zwei in Großbritannien ausgebildete tschechoslowakische Soldaten, sprangen am 29. Dezember 1941 bei Nehvizdy östlich von Prag ab. Am 27. Mai 1942 griffen sie Heydrich in Prag an. Er starb am 4. Juni an den Folgen des Attentats. Quelle: www.vhu.cz.

Lidice nach der Zerstörung, Juni 1942.Lidice nach der Zerstörung, Juni 1942. Bundesarchiv, Bild 146-1993-020-26A · CC BY-SA 3.0 de.Nach dem Attentat entfalteten die NS-Behörden eine neue Terrorwelle. Am 10. Juni 1942 vernichteten sie Lidice; dort wurden 173 Männer erschossen, Frauen wurden in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Karl Hermann Frank trug Verantwortung für die Vernichtung des Dorfes. Die Kinder wurden von ihren Müttern getrennt. 82 Kinder wurden in Kulmhof (Chełmno) ermordet; nur ein kleiner Teil wurde zur Germanisierung ausgesondert. Insgesamt kehrten nach dem Krieg 17 Kinder zurück. Belege: USHMM: Verzeichnis der 82 ermordeten Kinder; Gedenkstätte Lidice: Schicksal der Kinder. Auch die Attentäter überlebten nicht: Gabčík nahm sich am 18. Juni 1942 während des Kampfes in der Prager Kirche das Leben. Kubiš starb noch am selben Tag im Lazarett an seinen Kampfverletzungen. Widerstandshandlungen setzten sich bis zum Kriegsende fort; die Darstellung einer durchgehenden Ruhe bis April 1945 greift zu kurz. Quelle: www.vhu.cz; www.lidice-memorial.cz; www.dhm.de.

Das Deutsche Historische Museum nennt mindestens 38.000 tschechische Opfer des deutschen Terrors. Diese Angabe bezeichnet nicht 38.000 nachgewiesene Erschießungen. Verfolgungsgruppen und Todesursachen müssen getrennt betrachtet werden. Quelle: www.dhm.de.

Karl Hermann Frank ein Sudetendeutscher, zuerst Staatssekretär und SS-Brigadeführer, wurde 1943 zum "Deutschen Staatsminister für Böhmen und Mähren" und zum SS-Obergruppenführer ernannt.
Edvard Beneš, Porträt um 1942.Edvard Beneš, Porträt um 1942. Library of Congress, FSA/OWI, fsa.8e00866; Fotograf unbekannt · Gemeinfrei.

Exilpolitik und Vorbereitung der Vertreibung

Edvard Beneš bei tschechoslowakischen Soldaten im britischen Exil während des Zweiten Weltkriegs.Edvard Beneš bei tschechoslowakischen Soldaten im britischen Exil während des Zweiten Weltkriegs. Cook (Lt), War Office / Imperial War Museums, H 31998 · Gemeinfrei (Crown Copyright abgelaufen).Die Vertreibung der Deutschen wurde während des Krieges von der tschechoslowakischen Exilführung vorbereitet. Ein konkreter Beleg ist das Memorandum der Exilregierung, das Hubert Ripka am 23. November 1944 an die amerikanische Vertretung übergab. Es plante die Entfernung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung und die spätere Angleichung eines verbleibenden Teils. Am 12. Dezember 1943 wurde in Moskau der tschechoslowakisch-sowjetische Freundschafts- und Beistandsvertrag geschlossen. Quelle: history.state.gov; www.esbirky.cz.

Wenzel Jaksch, Porträt von 1930.Wenzel Jaksch, Porträt von 1930. Archiv der tschechoslowakischen Nationalversammlung, Poslanecká sněmovna ve 3. volebním období, 1930; Fotograf unbekannt · Gemeinfrei.

Wenzel Jaksch, seit 1938 Vorsitzender der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei, organisierte nach der Abtretung der Sudetengebiete die Ausreise gefährdeter Sozialdemokraten. Im britischen Exil setzte er sich gegen die Aussiedlungspolitik ein, konnte sich gegenüber Beneš jedoch nicht durchsetzen. Jaksch lebte bereits im Exil. Er wurde also nicht erst 1945 unmittelbar aus seiner Heimat ausgewiesen. In ihrer Denkschrift vom 23. November 1944 sah die Exilregierung ausdrücklich Ausnahmen für Deutsche vor, die aktiv am Befreiungskampf teilgenommen hatten. Ob diese Ausnahmen später tatsächlich beachtet wurden, muss für die einzelnen Fälle geprüft werden. Quelle: www.deutsche-biographie.de; history.state.gov.

Während des Zweiten Weltkrieges galt der böhmisch-mährische Raum als der "Luftschutzkeller" und die "Rüstungskammer" des Deutschen Reiches. Das Gebiet blieb bis zum Ende des Krieges weitgehend von Kriegseinwirkungen verschont und große Teile wurden von der Heeresgruppe Mitte (Schörner) bei der Kapitulation noch gehalten.

Die " Befreiung durch Deutschland "jedoch hat die Sudetendeutschen einen hohen Blutzoll gekostet:

Krieg, nationalsozialistische Herrschaft und Vertreibung forderten zahlreiche Menschenleben. Die Zahl der Kriegs- und Vertreibungsopfer lässt sich nur anhand nachvollziehbarer Erhebungen und klar abgegrenzter Opfergruppen beurteilen. Zur unterschiedlichen Erfassung von Toten, Vermissten und ungeklärten Fällen siehe das Kapitel Vertreibung. Quelle: www.historisches-lexikon-bayerns.de; osteuropa.lpb-bw.de.

Quellen zu diesem Beitrag →

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