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Geschichte

Hussitenzeit

Johannes (Jan)Hus und Jan Zizka

Jan Hus: spätere Darstellung von Jacques de Boucq, um 1570.Jan Hus: spätere Darstellung von Jacques de Boucq, um 1570.Jacques de Boucq · Wikimedia Commons · gemeinfreiDie Länder der böhmischen Krone, deren Grenzen sich von denen der heutigen Tschechischen Republik unterschieden, gewannen im späten Mittelalter durch den Silberbergbau beträchtliche wirtschaftliche Bedeutung. Insbesondere die Silberbergwerke in Kuttenberg und Iglau , lieferten jährlich große Erträge. Diese Reichtümer kamen in erster Linie dem böhmischen König und der Kirche zugute, auch kirchliche Abgaben flossen nach Rom. Aus den Zunftmitgliedern der Bergwerksorte wurden wohlhabende Bürger. Bedingt durch den Reichtum aus den Silberbergwerken entwickelten sich Produktion und Handel mit Gebrauchs- und Luxuswaren. Das führte zu Konflikten zwischen kirchlichen Institutionen und Teilen der Bevölkerung, zwischen Kaufleuten, Handwerksmeistern und den Adligen, die ihre Privilegien sichern wollten, sowie zwischen den Bauern, die sich aus der Leibeigenschaft befreien wollten, und den Grundherren. Bewegung kam in die Sache durch Johann Hus (um 1370–1415), einen Professor an der Prager Universität. Hus drückte die Unzufriedenheit der böhmischen vor allem aber der tschechischen Bürger aus, wobei er auch auf die Lehren von John Wiclif zurückgriff. Darauf reagierte die Universität prompt: die 45 Wiclifsche Sätze wurden als Ketzerei verdammt. Der Streit eskalierte und schließlich erließ König Wenzel 1409 das "Kuttenberger Dekret" welches der böhmischen Universitätsnation drei Stimmen und den drei übrigen Universitätsnationen zusammen eine Stimme gab. Diese „Nationen“ waren Herkunftsverbände und sind nicht mit heutigen Nationalitäten gleichzusetzen. Damit hatte die böhmische Universitätsnation die Oberhand an der Karls Universität und zahlreiche auswärtige Professoren und Studenten verließen daraufhin Prag. Viele wirkten an der Gründung der Universität Leipzig 1409 mit. Hus wurde 1409 zum Rektor der Prager Universität gewählt. Dies verstärkte aber die Spannungen mit der Kirche. Die Abwanderung und die späteren Kriege schwächten die Universität erheblich. Sie bestand jedoch weiter; die Behauptung eines wertlosen Instituts ohne Privilegien wäre unzutreffend. Als der Papst 1412 wieder Ablasszettel verkaufen ließ um sich Geld zu beschaffen, kam es in Prag zu Zusammenstößen zwischen Hussiten und Katholiken. König Wenzel versuchte die Situation in den Griff zu bekommen, in dem er Hus, aber auch vier päpstliche Theologen aus Prag auswies. Das Konstanzer Konzil wurde 1414 auf Betreiben König Sigismunds von Papst Johannes XXIII. einberufen; Sigismund wurde erst 1433 zum Kaiser gekrönt. Das Konzil war eines der bedeutendsten kirchlichen und politischen Ereignisse des späten Mittelalters und beeinflusste die geistige Entwicklung Europas nachhaltig. Dass Sigismund von Luxemburg das Konzil entscheidend steuern konnte, lag an den Wirren der in sich gespaltenen Christenheit. Er sah es als Beschützer der Kirche als seine Aufgabe mit den drei Päpsten zu einer Lösung zu kommen um die Kirche wieder zu vereinigen und das Problem der böhmischen Ketzerei zu lösen. Denn es bestand die Gefahr, dass das Königreich Böhmen sich von der katholischen Kirche und vom deutschen Reich loslösen könnte. Sigismund, der Bruder und mögliche Erbe von Wenzel, machte sich berechtigte Sorgen und bewirkte, das Hus - unter Zusicherung freien Geleits - nach Konstanz zitiert wurde. Hus, der auf die Richtigkeit seiner Lehren vertraute, predigte die Notwendigkeit der Armut und Bescheidenheit der Kirche und behandelte das Verhältnis von geistlicher Autorität, weltlicher Herrschaft und moralischer Verantwortung; die ihm im Prozess zugeschriebenen Lehrsätze sind dabei von seinen eigenen Erklärungen zu unterscheiden.

Daraufhin wurde Hus in den Kerker geworfen und zum Widerruf aufgefordert. Da dies jedoch nicht half, denn Hus blieb seinen Prinzipien von der reinen Lehre des Christentums treu, wurde er unter Bruch aller Versprechen, am 6. Juli 1415 auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Aber damit war die Bewegung nicht auszulöschen, jetzt hatte man einen Märtyrer und der Brand wurde nun erst recht angefacht. Immer häufiger kam es jetzt zu Unruhen in ganz Böhmen. Es entstand eine Bewegung, die nach ihrem Symbol, dem Kelch, Calixtiner genannt wurde. In der spätmittelalterlichen westlichen Kirche erhielten Laien gewöhnlich nur die geweihte Hostie; die Priester empfingen bei der Messe Brot und Wein. Die Calixtiner wollten den alten Brauch wieder einführen, nach dem Kelch und Brot für die Gemeinde sein sollten. Die vier Prager Artikel brachten ihre Auffassungen zum Ausdruck:

  1. freie Verkündigung des Gotteswortes;
  2. Abendmahl in Brot und Wein auch für Laien;
  3. Verzicht des Klerus auf weltlichen Besitz und weltliche Herrschaft;
  4. Bestrafung öffentlicher Todsünden ohne Ansehen des Standes.

Die Forderung nach freier Predigt ist nicht mit allgemeiner Religionsfreiheit im heutigen Sinn gleichzusetzen.

Neben den eher gemäßigten Calixtinern oder Utraquisten bildete sich ein weit radikalerer Flügel, die Taboriten (nach ihrem Zentrum, der neugegründeten Stadt Tabor). Zu den Utraquisten gehörten bedeutende Teile des Adels und des städtischen Bürgertums. Glaube, politische Mitbestimmung und Besitzinteressen spielten dabei zusammen. Nicht alle Anhänger hatten dieselben Beweggründe.

Jan Žižka, spätere Porträtdarstellung aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.Jan Žižka, spätere Porträtdarstellung aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Unbekannter Künstler · Public domain.Unter den radikalen Hussiten fanden sich Bauern, Handwerker, Bürger und auch Adelige. Sie wollten nicht nur kirchliche Missstände beseitigen, sondern verbanden damit unterschiedliche Vorstellungen einer gerechteren Ordnung. Jan Žižka, selbst aus dem niederen Adel stammend, war einer ihrer bedeutendsten Heerführer. Die Bewegung war jedoch weder sozial noch religiös einheitlich. In der frühen Gemeinschaft von Tábor wurden weitreichende Vorstellungen gemeinschaftlichen Besitzes vertreten. Daraus folgt nicht, dass alle Taboriten dauerhaft ohne weltliche Herrschaft und ohne Privateigentum lebten. Der Vergleich mit modernem Kommunismus wäre nur eine nachträgliche Deutung, keine damalige Selbstbezeichnung.

In älteren Darstellungen werden den radikalen Gruppen von Tábor die folgenden Aussagen zugeschrieben. Sie geben möglicherweise religiöse Hoffnungen einzelner Gruppen wieder; ihre genaue Herkunft und deutsche Übersetzung sind hier jedoch nicht gesichert: „In dieser Zeit wird auf Erden kein König oder Herrscher, noch ein Untertan sein, und alle Abgaben und Steuern werden aufhören, keiner wird den anderen zu etwas zwingen, denn alle werden gleiche Brüder und Schwestern sein.“ „Wie in der Stadt Tabor kein Mein und Dein, sondern alles gemeinschaftlich ist, so soll immer alles allen gemeinschaftlich sein und keiner ein Sondereigentum haben, und wer ein solches hat, begeht eine Todsünde.“ Daraus lässt sich keine dauerhaft verwirklichte Gesellschaftsordnung aller Hussiten ableiten.

König Wenzel hatte seine Probleme mit den Parteien, sein Bruder Sigismund drohte mit militärischem Eingreifen. Am 30. Juli 1419 zog eine Prozession von Anhängern der Kelchkommunion unter Führung des Predigers Jan Želivský zum Neustädter Rathaus in Prag. Die Menge erstürmte das Rathaus; auch Jan Žižka wird mit den Ereignissen in Verbindung gebracht. Dabei kam es zum ersten Prager Fenstersturz: mehrere Vertreter des Prager Neustädter Rates wurden aus dem Fenster des neuen Rathauses gestürzt - und getötet. Die Berichte über den genauen Ablauf der Gewalttat unterscheiden sich. Wenzel IV. starb am 16. August 1419. Dass ihn die Nachricht vom Fenstersturz unmittelbar das Leben kostete, ist medizinisch nicht sicher belegt. Die Nachfolge blieb umkämpft: Sigismund wurde 1420 gekrönt, aber erst 1436 nach dem Ausgleich mit den Hussiten von den maßgeblichen böhmischen Ständen anerkannt.

Die Prager Utraquisten versuchten mit König Sigismund zu verhandeln, was aber an dessen harter Haltung scheiterte. Und Papst Martin V. ging dann noch einen Schritt weiter, in dem er die ganze Christenheit zum Kreuzzug gegen die Hussiten aufrief. Der Kreuzzug fand 1420 statt und endete in einer Niederlage des katholischen Heeres, das von Žižkas Heer geschlagen wurde. Jan Žižka starb 1424; die genaue Todesursache ist nicht sicher festgestellt. In den folgenden Jahren wurde Prokop der Große (gestorben 1434) zu einem der bedeutendsten hussitischen Heerführer. Weitere Kreuzzüge scheiterten. Besonders über den Rückzug bei Taus 1431 wird berichtet, dass die Annäherung des hussitischen Heeres und sein Gesang die Gegner in Panik versetzt hätten. Dieser Bericht bedeutet nicht, dass alle Feldzüge so verliefen.

Der folgende deutsche Vers wird in der älteren Darstellung als Kampfgesang wiedergegeben. Möglicherweise handelt es sich um eine spätere Bearbeitung; als zeitgenössisches Hussitenlied ist er hier nicht nachgewiesen: „Treib die Teutschen naus, heilger Wenceslaus / Papst der Antichrist / Von Gott verfluchet ist / In des Feuers Roth, fand Sanct Hus den Tod / Drum die Rach gebot / Schlagt die Papisten tot.“

Teile und Herrsche

Nach dem Scheitern des fünften Kreuzzugs bei Taus verstärkten sich die Bemühungen um Verhandlungen. 1433 verständigten sich die Verhandlungspartner beim Basler Konzil auf die sogenannten Kompaktaten. Wie diese Vereinbarungen auszulegen waren, blieb umstritten. Religiöse Gegensätze, politische Machtfragen, Besitzinteressen und die Erschöpfung nach langen Kriegsjahren vertieften die Spaltung innerhalb der hussitischen Bewegung. Am 30. Mai 1434 besiegte bei Lipany nahe Böhmisch Brod ein Bündnis gemäßigter Utraquisten und Katholiken die radikalen Taboriten und das Waisenheer. Zu den Heerführern der Sieger gehörte Diviš Bořek von Miletínek; Prokop der Große und Prokop der Kleine fielen. Nach dieser Niederlage hatten die radikalen Verbände ihre militärische Macht verloren. Wie viele Soldaten beteiligt waren und wie viele Menschen starben, ist umstritten. Zahlen wie 18.000 Kämpfer und 13.000 Gefallene auf der radikalen Seite begegnen in älteren Darstellungen, sind jedoch allenfalls unsichere Schätzungen und keine gesicherten Zählungen. Möglicherweise trug der Rückzug von Jan Čapeks Reiterei zum Ausgang bei; die Vermutung eines bewussten Verrats ist damit nicht nachgewiesen. Spätere Romane und Darstellungen haben das Bild der Schlacht zusätzlich geprägt. Der Weg zu einem politischen Ausgleich wurde dadurch frei, doch die Anerkennung Sigismunds und die Regelung der Glaubensfrage erforderten weitere Verhandlungen.

Quellen

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