Handwerker, die dichteten und sangen
In Iglau gehörten Handwerk und Gesang zusammen. Meistersinger waren Bürger, die neben ihrem Beruf Lieder dichteten und vortrugen. Unter ihnen waren Tuchmacher. Ihre Vereinigung gab der Freude am Singen eine feste Form: mit gemeinsamen Regeln und öffentlichen Auftritten.
1571: Eine Bruderschaft entsteht
Am 2. April 1571 baten zwei Tuchmachermeister um die Genehmigung einer Sängerbruderschaft. Am 25. Juli folgte ein feierlicher Auftritt. Die Gemeinschaft war nach dem Vorbild einer Zunft organisiert. Sie hatte eine eigene Ordnung und verteilte Aufgaben unter ihren Mitgliedern. Nach einer ruhigeren Phase erhielt sie 1613 neuen Auftrieb.
Was eine „Singschule“ war
Eine Singschule war ein öffentlicher Gesangswettbewerb. Die Sänger trugen ihre Lieder nach festen Regeln vor. Das Regelwerk hieß „Tabulatur“. Dabei zählten unter anderem die Melodie, der Versbau und die Reime. So verband sich das eigene Dichten mit dem Lernen und Beurteilen innerhalb der Gemeinschaft.
Glaube und die Sorgen der Menschen
Viele Lieder behandelten biblische Geschichten. Andere griffen Pest und Erdbeben auf. Damit kamen auch Bedrohungen des Lebens zur Sprache. Zur Ankündigung der Auftritte hing der „Postenbrief“ am Rathaus: ein 1613 erworbenes Gemälde von Johannes Wadhofer. Es verknüpft die Sänger mit christlichen Bildmotiven und den Wissenschaften und Künsten.
Abraham Letscher und die Verbindungen nach außen
Ein bekannter Iglauer Meistersinger war der Tuchmacher Abraham Letscher. Horst Brunner nennt 48 erhaltene Lieder von ihm. Iglau gehörte zu einem Netz von Sängerorten, zu dem auch Steyr, Wels und Eferding zählten. Nürnberg mit Hans Sachs war ein wichtiger Bezugspunkt der Meistersingergemeinschaften. Die Gesangspflege verbindet so die Geschichte des Iglauer Handwerks mit der Kultur anderer Städte.
Ein Einschnitt durch Krieg und Gegenreformation
Der politische und religiöse Umbruch nach der Niederlage der böhmischen Stände am Weißen Berg traf auch die Sänger. Die letzte Iglauer Singschule fand 1620 statt. Beim Begräbnis Abraham Letschers 1621 traten die Meistersinger noch einmal öffentlich auf. Ihr Beispiel zeigt, wie eng eine kulturelle Gemeinschaft mit den Lebens- und Glaubensverhältnissen ihrer Zeit verbunden war.