Wenn man beginnt, die Geschichte der deutschsprachigen Völker zu überdenken, die Wanderungen der Volksgruppen und die damit verbundene wechselvolle Ausdehnung der Reichsgrenzen zu verfolgen, muss man auch die europäische Geschichte mit einbeziehen. Ein historischer Weltatlas bietet hier unschätzbare Hilfe. Eine Vielzahl von Karten und Bildtafeln kann uns darüber informieren, welche Gebiete Europas in der jeweiligen Zeit zu welchen Herrschaftsbereichen gehörten. Der Blick reicht von den Römern und Germanen über die Karolinger und Sachsen bis hin zu den Staufern, Luxemburgern, Habsburgern und Hohenzollern. Dieser Wechsel ist nicht immer auf kriegerischen Einsatz und damit verbundene Machtansprüche zurückzuführen. Er wird durch Wanderungen und kriegerische Auseinandersetzungen, aber auch durch Heirat, Erbrecht und Verträge bestimmt.
Diese alten Karten über staatliche Herrschaftsflächen und Siedlungsgebiete der unterschiedlichsten deutschen Volksgruppen spiegeln uns den Glanz und das Elend dieser Epochen wider. Man erkennt, wie sich mit der Besiedlung einzelner Landstriche durch verschiedene Völker und deren Verschmelzung miteinander eine ständige Evolution vollzieht. Volksgruppen und deren Kultur verschwinden, Sprachen sterben aus oder entwickeln sich je nach Kulturkreis in unterschiedliche Richtungen und trennen Völker, Stämme, oft sogar Sippen und Familien. Viele europäische Sprachen weisen auf gemeinsame sprachliche Ursprünge hin. Daraus lässt sich jedoch nicht ohne Weiteres auf ein einheitliches Urvolk schließen. Zerrissen werden alte Gemeinsamkeiten, wenn ein aufkommendes Nationalgefühl gezielt zur Abgrenzung und Ausgrenzung genutzt wird.
Kulturelle Errungenschaften werden vergessen, neu entdeckt und weiterentwickelt. Kausale Zusammenhänge zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden sichtbar. Versuchen wir, positive Lehren aus den Geschehnissen herauszufiltern und für unsere gemeinsame europäische Zukunft zu nützen.
Auseinandersetzung mit der Geschichte
Seit
wann gibt es Deutsche?
Beschäftigt
man sich mit der Geschichte Böhmens, so ist es unabdingbar sich mit
der Geschichte Europas auseinander zu setzen. Im besonderen mit der
Entwicklung und der damit verbundenen Identifizierung der Volksgruppen
in den "Nationalitätenstaaten". Dem Aufkommen des Nationalismus. In
den meisten Büchern und Schriften zu der Geschichte Böhmen und Mährens
wird immer wieder von der slawischen im besonderen der tschechischen
und der germanischen oft gleichgesetzt mit der deutschen Nation geschrieben.
Hier muß man ansetzen und fragen, seit wann gibt es die Deutschen, Deutschland
und ein Deutsches Reich überhaupt und wer sind Sie. Wenn man sich dann
die Daten der Geschichte anschaut ließe sich über die unterschiedlichsten
Jahreszahlen streiten.
Zunächst wäre das Datum 843 n.Christi zu nennen, im Vertrag zu
Verdun erhält Ludwig "Der Deutsche" das Ostfrankenreich.
Ein weiteres auffallendes Datum ist das Jahr 919 Heinrich I. wird von den Franken und Sachsen zum König erhoben und damit wurde ein Königtum geschaffen welches erstaunlich lange vorhielt. Insbesondere nachdem Heinrichs Sohn Otto I. am 2.2.962 in Rom zum römischen Kaiser gekrönt wurde. Die Verbindung von Königs- und Kaiserwürde bestand lange fort. Allerdings wurden nicht alle Nachfolger Ottos auch zum Kaiser gekrönt. Meist ging der Kaiserkrönung die Wahl zum römisch-deutschen König voraus. Die Formen der Anerkennung und Krönung änderten sich im Lauf der Zeit. Dieses kombinierte König - Kaisertum hatte bis zum Jahre 1806 Bestand, unter dem Druck Napoleons, verzichtete Franz II. von Habsburg auf die römische Kaiserkrone und beschränkte sich auf das kurz zuvor geschaffene österreichische Kaiserreich. Damit war das alte Reich erloschen. Seine Bezeichnung war bereits im späten Mittelalter um den Zusatz „deutscher Nation“ erweitert worden. Dieser Titel hatte sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt.
Den amtlichen Titel „Deutscher Kaiser“ gab es von 1871 bis 1918. Die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kaiser führten dagegen den römischen Kaisertitel. Doch über wen herrschten sie? Über Menschen verschiedener Sprachen und über zahlreiche, sehr unterschiedlich verfasste Länder. Wie verstand man das Königtum, welches der Sachse Heinrich I. 919 übernommen hatte? Diese Frage lässt sich nicht mit dem heutigen Begriff eines Nationalstaates beantworten. Aus dem ostfränkischen Reich entwickelte sich schrittweise das mittelalterliche Reich. Die Bezeichnung „deutsch“ wurde im Laufe des Mittelalters gebräuchlicher; sie bezeichnete zunächst vor allem sprachliche Gemeinsamkeiten. Im Investiturstreit wurden Bezeichnungen wie „König der Deutschen“ auch zur Begrenzung des universalen Anspruchs des Königtums gebraucht. Der Zusatz „heilig“ begegnet für das Reich seit der Zeit Friedrich Barbarossas im 12. Jahrhundert. Der Zusatz „deutscher Nation“ kam im späten Mittelalter hinzu. Daraus entstand jedoch kein Nationalstaat im heutigen Sinn. Auch im 19. Jahrhundert waren Sprache, Staatsangehörigkeit und nationales Selbstverständnis keineswegs immer deckungsgleich. Das galt besonders für den Deutschen Bund, dem auch die habsburgischen Länder Böhmen und Mähren angehörten.
Eine wichtige Rolle spielte dabei die Ostsiedlung durch Sachsen, Franken, Thüringer, Bajuwaren und andere Zuwanderer. Sie haben dort Landschaften kultiviert, neue Dörfer angelegt, Städte gegründet und jenen Prozeß in die Wege geleitet der das einstige Ostdeutschland, Böhmen und Mähren, das östliche Mitteleuropa und Teile sowohl von Ost- als auch Südosteuropa heute noch prägt. Die Gründung neuer Siedlungen und die veränderte Nutzung des Landes gehörten zu einem umfassenden Wandel in Europa. Dieser Prozeß hatte eine vielfältige Gestalt. Wo er mit Mission verbunden war und im Zeitalter der Kreuzzüge stattfand, wie bei der Eroberung Preußens durch den deutschen Orden, führte er zu einer blutigen Unterwerfung und zu schweren Verlusten und Umbrüchen für die einheimische Bevölkerung. Der Landesausbau konnte auf Einladung von Herrschern und Grundherren erfolgen, verlief aber regional sehr unterschiedlich. Ausgleich und Zusammenarbeit standen neben Konflikten, Abhängigkeiten und Verdrängung. Eine schnelle Angleichung zwischen Zuwanderern und älterer Bevölkerung lässt sich deshalb nicht allgemein voraussetzen. In manchen Regionen passte sich die einheimische Bevölkerung den Zuwanderern an, etwa in Mecklenburg, Pommern, der Mark Brandenburg, Teilen Böhmens und weiten Teilen Schlesiens. Anderswo lebten Deutsche, Polen, Ungarn, Juden und Tschechen lange nebeneinander. In weiten Teilen Polens wiederum passten sich die Zuwanderer der einheimischen Bevölkerung an. In manchen Gebieten waren die Stadtbürger und der Landadel überwiegend Deutsche, die Bauern dagegen nicht. Davon waren die Bevölkerungs - und Sozialverhältnisse im heutigen Estland und Lettland über lange Zeit geprägt; ihre Veränderung begann jedoch schon vor dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939.
Wie hängt die deutsche Ostsiedlung damit zusammen, dass sich ein deutsches Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelte? Diese Frage läßt verschiedene Blickwinkel zu. Wenn wir unsere heutigen Ausländer oder Aussiedler betrachten werden sie meist von den einheimischen aufgrund Ihrer Herkunft bzw. ihrer gemeinsamen Sprache eingeordnet. So waren es meist die Jugoslawen, nicht die Serben, Kroaten oder Bosnier dies änderte sich erst nach dem Krieg. Die Ostsiedler kamen aus unterschiedlichen Regionen und brachten örtliche und regionale Bindungen mit. Sprachliche Gemeinsamkeiten konnten dazu beitragen, dass sie in ihrer neuen Umgebung als Deutsche bezeichnet wurden. Daraus lässt sich jedoch kein einheitliches nationales Bewusstsein aller Zuwanderer ableiten. Sie brachten zum Beispiel das Magdeburger Recht mit, und dieses Recht wurde nun weiter ausgebreitet, es erhielt sozusagen Töchter, das Kulmer Recht. Diese Rechtsordnungen unterschieden sich in Einzelheiten, hatten aber gemeinsame Grundlagen. Nach und nach fasste man sie als deutsches Recht zusammen. Auch innerhalb des Reiches bestanden unterschiedliche Rechtsgewohnheiten. In den neuen Siedlungsgebieten unterschied man deshalb zwischen den bisher geltenden Rechtsgewohnheiten und den mitgebrachten Rechtsordnungen. Die Gemeinsamkeiten der neuen Rechte erleichterten es, sie unter einem Begriff zusammenzufassen. Ähnlich dürfte es sich bei der Benennung der Personen verhalten haben. In den neuen Gebieten war es nicht so wichtig, ob die Zuwanderer Sachsen oder Bayern waren. Sie waren Zuwanderer, Gäste oder auch Ankömmlinge. Wenn man sie aber schon in eine gemeinsame Kategorie faßte, dann lag es nahe , auch eine gemeinsame ethnische Bezeichnung zu verwenden und das Wort deutsch brauchte nicht erst erfunden zu werden, denn einige der Zuwanderer brachten es ja mit. Gleichzeitig verbreitete sich der Begriff aber auch in den alten Siedlungsgebieten weiter.
So war es am Ende des Mittelalters, im ausgehenden 15. Jahrhundert, möglich, der nun traditionellen Bezeichnung " Heiliges Römisches Reich " einen letzten Zusatz hinzuzufügen, nämlich deutscher Nation. Was damit ursprünglich gemeint war ist freilich dunkel. Sollte der Zusatz die Wanderung der römischen Kaiserkrone zu den Deutschen bezeichnen? Oder sollte er vielmehr jenen Teil des Römischen Reiches kennzeichnen, in dem die Deutschen wohnten, als das deutsche Königreich im Gegensatz zu römischen Kaiserreich, wie man versucht sein könnte zu sagen, wenn nicht damals - scheinbar paradox - die Könige ebenfalls den Zusatz "römisch" in ihrem Titel geführt hätten? Seit dem 14. Jahrhundert wurden in vielen Regionen weniger neue Siedlungen gegründet und weniger Flächen neu bewirtschaftet. Pestwellen, wirtschaftliche Krisen, Kriege und örtliche Veränderungen wirkten dabei zusammen. Manche Siedlungen wurden aufgegeben, und auf den Flächen wuchs wieder Wald. Die Besiedlung endete aber nicht überall zur gleichen Zeit. Die mittelalterliche Ostsiedlung verlief von Region zu Region unterschiedlich. Man hatte es jetzt oft mit Territorien zu tun, die von deutschen Fürsten regiert und überwiegend von Deutschen bewohnt wurden. In anderen gebieten gab es deutsche Minderheiten unter polnischen oder tschechischen Fürsten. Die damaligen Verhältnisse lassen sich nur schwer genau beschreiben. Es gab noch keine flächendeckenden Bevölkerungsstatistiken, die Menschen nach heutigen Nationalitäten erfassten.
Im 19. Jahrhundert galt die Muttersprache als zuverlässiges Indiz für die Volkszugehörigkeit. Heute weiß man, daß dies für ältere Zeiten nicht gilt und auch in neuerer Zeit gibt es Sachverhalte, die dem widersprechen. So kannte und gebrauchte man zum Beispiel in einigen Dörfern des hanoverschen Wendlandes im 19.Jhd noch Reste der lokalen slawischen Sprache, was nicht bedeutete daß diejenigen keine deutschen wären. Den gleichen Sachverhalt gibt es in der Lausitz, wo neben Deutsch auch die slawischen Sprachen Obersorbisch und Niedersorbisch gesprochen werden. Böhmen und Mähren waren durch ältere slawische Besiedlung und den mittelalterlichen Landesausbau geprägt und gehörten in wechselnden rechtlichen Formen zum Heiligen Römischen Reich. In vielen Städten spielte die deutsche Sprache eine bedeutende Rolle; die sprachlichen Verhältnisse unterschieden sich jedoch nach Ort und Zeit. Doch gab es daneben, namentlich in den Grenzgebieten, geschlossene von Deutschen besiedelte ländliche Regionen. Charakteristisch waren aber auch die Siedlungsinseln in einer nichtdeutschen Umgebung, wie zum Beispiel die Iglauer Sprachinsel.
Besiedlung
Böhmen und Mährens in der Frühzeit
Schnurkeramik: Gefäß und Steinäxte im Estnischen Historischen Museum. Vergleichsfunde, keine Funde aus Iglau.Terker · Wikimedia Commons · CC BY 3.0Wer sich mit den Sprachen Europas beschäftigt, stellt fest, dass viele von ihnen zur indogermanischen Sprachfamilie gehören. Ihre Verwandtschaft lässt sich anhand sprachlicher Merkmale nachweisen. Sie bedeutet jedoch nicht, dass die heutigen Völker Europas eine einheitliche Abstammung besitzen. Zu dieser Sprachfamilie gehören unter anderem die keltischen, germanischen, italischen, baltischen und slawischen Sprachen sowie Griechisch, Armenisch und die indoiranischen Sprachen. Daneben sind zahlreiche heute ausgestorbene Sprachen überliefert, etwa Hethitisch und Tocharisch. Die Begriffe Kentum- und Satemsprachen beziehen sich auf unterschiedliche Lautentwicklungen; eine einfache Einteilung in eine westliche und eine östliche Völkergruppe lässt sich daraus nicht machen. Über den räumlichen Ursprung und die frühe Ausbreitung der Sprachfamilie wird weiterhin geforscht. In älteren Darstellungen wurde eine Herkunft zwischen Mitteleuropa und Südrussland, teilweise auch aus dem weiteren Raum Kasachstans, vermutet. Solche räumlichen Zuordnungen sind als Hypothesen zu verstehen, nicht als gesicherte Herkunft eines einheitlichen Volkes. Wanderungen und Kontakte zwischen Bevölkerungsgruppen spielten dabei eine wichtige Rolle. Die Aufspaltung lässt sich jedoch nicht insgesamt auf die Jahre 2500 bis 2000 v. Chr. festlegen. Ebenso wenig kann man aus sprachlicher Verwandtschaft ein einziges „Urvolk“ mit überall gleicher Gesellschaftsordnung und Lebensweise ableiten. Die Schnurkeramik, nach den Verzierungen ihrer Tongefäße benannt, ist eine archäologische Kultur des späten Neolithikums. Ihre Gleichsetzung mit allen frühen indogermanischsprachigen Menschen wäre zu weitgehend.
Die Menschen der Bandkeramik-Kultur gehörten bereits zu den frühen Bauern Mitteleuropas. Auch in Böhmen und Mähren betrieben sie Ackerbau und Viehzucht und lebten in festen Siedlungen. Diese Kultur gehört zur Jungsteinzeit (Neolithikum). Der Übergang zum Bauerntum hatte damit lange vor den späteren Wanderungen aus den östlichen Steppengebieten begonnen.
Mit der Jungsteinzeit veränderte sich das Leben der Menschen grundlegend. Der Anbau von Getreide und anderen Nutzpflanzen und die Haltung von Haustieren bestimmten nun zunehmend ihren Alltag. Getreide wurde auf steinernen Mahlgeräten gemahlen und zu Nahrung verarbeitet; daneben nutzte man Wildpflanzen, Fisch und das Fleisch von Wild- und Haustieren. Bei den frühen Bauern Mitteleuropas sind unter anderem Einkorn, Emmer, Gerste, Erbsen und Linsen sowie Lein beziehungsweise Flachs belegt. Sie hielten Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen. Keramikgefäße, Werkzeuge und Reste von Häusern vermitteln uns einen Eindruck ihrer Haushalte. Nicht alle später bekannten Nutzpflanzen, Textilien und Geräte dürfen wir jedoch schon für die gesamte Jungsteinzeit voraussetzen. Ihre Lebensverhältnisse unterschieden sich in vieler Hinsicht grundlegend von denen der Bauern vor 200 Jahren.
Die mitteleuropäische Bronzezeit setzte regional unterschiedlich um 2200 v. Chr. ein. Ihrer Entstehung ging eine lange Entwicklung der Metallverarbeitung und des Austausches zwischen verschiedenen Regionen voraus. Die Badener Kultur gehört noch in die Kupferzeit beziehungsweise das späte Neolithikum, nicht in die Frühbronzezeit. Bronze, eine Legierung vor allem aus Kupfer und Zinn, ermöglichte die Herstellung neuer Werkzeuge, Waffen und Schmuckstücke. Die Beschaffung der Rohstoffe förderte weitreichende Handelsbeziehungen; auch Bernstein wurde über große Entfernungen weitergegeben. Bronzegegenstände wurden gegossen und weiterbearbeitet. Kleidung, Schmuck und Geräte zur Körperpflege sind durch Funde belegt, erlauben aber keine einheitliche Beschreibung aller Menschen dieser langen Epoche. Auch Bestattungsbräuche wandelten sich regional und zeitlich; die Brandbestattung setzte sich nicht überall gleichzeitig durch.
Keramik der Lausitzer Kultur aus Schlesien, 11.–5. Jahrhundert v. Chr. Vergleichsstücke zur Einordnung der Frühzeit. Silar · CC BY-SA 4.0.Weitere prägende Kulturen in Böhmen und Mähren waren die Aunjetitzer Kultur der Frühbronzezeit sowie später unter anderem die Lausitzer Kultur und die Kulturen der Urnenfelderzeit. Seit etwa 1300 v. Chr. wurde in weiten Teilen Mitteleuropas die Verbrennung der Toten und die Beisetzung des Leichenbrandes in Urnen üblich. Handwerkliche Spezialisierung und weitreichender Austausch prägten diese Gesellschaften. Die Bezeichnungen solcher archäologischen Kulturen beruhen vor allem auf Funden und Bestattungsformen. Sie lassen sich nicht ohne Weiteres mit einem bestimmten Volk oder einer Sprache gleichsetzen. Eine allgemeine Zuordnung der Urnenfelderkulturen zu den Illyrern ist deshalb nicht gesichert. Slawische städtische Siedlungen lassen sich für diese bronzezeitliche Epoche in Böhmen und Mähren ebenfalls nicht belegen.
Schema einer Urnenbestattung der späten Bronzezeit: Der Leichenbrand wird in einem Gefäß beigesetzt. José-Manuel Benito Álvarez (Locutus Borg) · Public domain.Auf die Bronzezeit folgte die ältere Eisenzeit, die nach einem bedeutenden Fundort als Hallstattzeit bezeichnet wird. Seit etwa 450 v. Chr. setzte sich in vielen Teilen Mitteleuropas die Latènekultur durch. Die ältere Eisenzeit darf in dieser Abfolge nicht übersprungen werden. In Böhmen und Mähren sind für die jüngere Eisenzeit zahlreiche keltische Funde und später auch befestigte Großsiedlungen, die sogenannten Oppida, nachgewiesen. Handwerk und Handel erreichten dort eine beachtliche Entwicklung. Die antiken Quellen bringen Böhmen mit den Boiern in Verbindung; auch der Name Böhmen wird gewöhnlich mit diesem Namen erklärt. Gruppen gleichen Namens sind jedoch auch aus anderen Regionen Europas bekannt. Eine einfache Wanderungsfolge von Italien nach Böhmen und anschließend eine vollständige Ablösung durch Markomannen lässt sich daraus nicht ableiten. Ebenso wenig dürfen wir uns die Oppida allgemein als Städte aus Steinhäusern vorstellen.
Um die Zeitenwende entstand in Böhmen ein bedeutender Herrschaftsverband unter dem Markomannenkönig Marbod. Er hatte in seiner Jugend in Rom gelebt und führte die Markomannen gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. nach Böhmen. Dort verband er mehrere Gruppen unter seiner Herrschaft. Die Aufzählungen antiker Autoren sind jedoch keine genaue Übersicht eines modernen Staatsgebietes. Im Jahre 6 n. Chr. bereitete Rom einen Feldzug gegen Marbod vor. Der Aufstand in Pannonien und Dalmatien führte zum Abbruch des Unternehmens; Marbod verständigte sich mit Rom. Während des Konflikts zwischen Arminius und Rom blieb er auf Distanz. Im Jahre 17 n. Chr. kam es zum Krieg zwischen den Verbänden des Arminius und Marbods. Seine Stellung wurde dadurch geschwächt. 19 n. Chr. verlor er die Herrschaft und begab sich unter römischen Schutz. Seine letzten Jahre verbrachte er in Ravenna. Die in antiken Texten genannten Heeresstärken sind als Angaben der jeweiligen Autoren zu lesen, nicht als gesicherte Zählungen.
In der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. kam es zu den Markomannenkriegen. Markomannen, Quaden und weitere Gruppen überschritten die römischen Grenzen; römische Heere drangen ihrerseits weit über die Donau vor. Auch das heutige Mähren wurde zum Schauplatz römischer Feldzüge. Daraus entstand jedoch keine dauerhafte römische Provinz Böhmen oder Mähren. Kaiser Mark Aurel starb am 17. März 180 während des Krieges; der genaue Sterbeort und die Todesursache sind nicht sicher überliefert. Sein Sohn Commodus schloss noch im selben Jahr Frieden. Die römischen Beziehungen zu den Gruppen jenseits der Donau bestanden auch danach aus Handel, Bündnissen, Abhängigkeiten und wiederkehrenden Kämpfen. Seit dem späten 4. Jahrhundert verstärkten das Vordringen der Hunnen, innere Machtkämpfe und die Veränderungen des römischen Reiches die Wanderungsbewegungen. Ein einziger Klimawechsel erklärt diese Vorgänge nicht. Ende 406 überschritten Vandalen, Alanen und Sueben den Rhein; 409 gelangten sie nach Spanien. Die Langobarden zogen über mehrere Zwischenräume nach Süden, siedelten zeitweise auch im mittleren Donauraum und drangen 568 unter Alboin nach Italien vor. Ihr Name wird traditionell als „Langbärte“ erklärt; die Herleitung von einer langen Axt ist nicht gesichert. Nach Attilas Tod 453 und der Niederlage der Hunnen am Nedao 454 zerfiel deren Herrschaftsverband. 476 endete das weströmische Kaisertum; das Oströmische Reich bestand weiter. Slawische Besiedlung ist in Böhmen und Mähren vor allem seit dem 6. Jahrhundert fassbar. Sie war Teil eines längeren Wandels der Bevölkerung und Siedlungen, nicht die einfache Übernahme eines durch die Pest leer gewordenen Landes.