Nördlich von Saar, außerhalb des geschlossenen Sprachgebietes der Iglauer Sprachinsel, liegt Libinsdorf. Es ist eine Gründung aus der Zeit der Agrarreformen Josefs II.
Vorher stand ein Meierhof (ein größerer landwirtschaftlicher Betrieb des Grundherrn) hier, Karlshof geheißen. Er gehörte bis 1788 zum Kameralgute Vojnov Mestec. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts (unter Maria Theresia und Josef II.) sah man in dem gutsherrlichen Großbetriebe, wie er damals vielerorts geführt wurde, ein veraltetes Wirtschaftssystem und man ging daran, Herrenland in kleine Bauernanwesen zu verwandeln, so Kameral- und Jesuitenhöfe und die Güter der königlichen
Städte. Ein solcher landesfürstlicher Hof war auch der Karlshof. Er wurde unter Josef II. zur Bauernsiedlung bestimmt. Der zuständige Tschaslauer Kreishauptmann Libin besichtigte im Herbst 1788 den Meierhof und bemühte sich, Leute aus seiner Heimat als neue Ansiedler zu gewinnen, da nach der Äußerung des Oberamtsmannes Wessely, in der nächsten Umgebung keine zu finden waren. Libin war ein Leitmeritzer und betrieb die Heranziehung von Heimatgenossen. Als durch das fürstliche Clarysche Patrimonialamt in Binsdorf die kaiserliche Ausschreibung in Rosendorf bekannt gemacht wurde, meldeten sich einige Rosendorfer. Zu ihnen gesellten sich andere aus Johnsdorf, Stimmersdorf und Hermersdorf.
Diese Orte liegen nahe der Grenze in der Böhmischen Schweiz. Wenn man dort oben am Prebisch-Tor steht, schweift der Blick über die Sandsteinflächen zu diesen Dörfern, der Heimat der Libinsdorfer. Zwanzig deutsche Familien machten sich auf den Weg vom Elbesandsteingebirge ins böhmisch-mährische Hügelland nahe dessen höchster Erhebung (Zakowa hora 837 m). Es stammen die Fiedler, Fischer, Hülle, Keßler, Mitscherling, Richter, Schubert, Seidel, Uhmann und Winter aus Rosendorf, Stölzig aus Stimmersdorf, Neumann aus Johnsdorf und Tietze aus Hermersdorf. Nicht ohne Schwierigkeiten kamen sie in den Besitz der Anteile des Meierhofes, dessen Grund in 20 Teile vermessen wurde. Aus den Hofgebäuden wurden Wohnungen gemacht. Nr. 1 entstand aus dem Schafferhause. So wurde aus dem Karlshofe ein Dorf, das nach seinem Gründer Libinsdorf genannt wurde.
Da das Ausmaß der Grundstücke nicht groß war, wendeten sich die Libinsdorfer bald auch anderen Erwerbszweigen zu. So errichtete Christian Mitscherling eine Garnbleiche. Seinem Beispiele folgten andere und schließlich waren zehn Bleichen im Orte. In der Folge verminderte sich ihre Zahl wieder, die Libinsdorfer betrieben die Weberei und ließen sich auch die Rindviehzucht angelegen sein, zu der gute Wiesen Futter bieten.
Das Dorf war zunächst zur tschechischen Pfarrschule in Vojnov Mestec eingeschult. Die Libinsdorfer sahen sich aber bald um deutsche Lehrer um. Sie bauten 1812 aus dem Holze eines alten Schuppens eine Hütte auf, die dem Lehrer zur Wohnung und zum Lehrzimmer diente. Im Jahr 1848 wurde die deutsche Privatschule zu einer öffentlichen, die Holzhütte blieb aber noch bis 1852 ihr Heim. Da sie in einem sehr schlechten Zustande war, entschlossen sich die Libinsdorfer 1851 zu einem Neubau, der 1852 vollendet war. 1918 erhielt der Ort auch eine tschechische Schule.
Bei der Gründung wurde Libinsdorf zur Gemeinde Ökrdlowitz zugeteilt. Die Libinsdorfer erreichten aber, dass ihr Dorf 1873 zu einer selbstständigen Gemeinde erklärt wurde.
Strebsam statteten sie ihren Ort weiter aus. Im Jahr 1855 äscherte ein Brand 22 Gebäude ein. 1880 wurde zweimal von böswilliger Hand (26. März und 2. April) Feuer gelegt. Deshalb kaufte man 1881 eine „Feuerspritze". Noch im Herbst des gleichen Jahres bewährte sie sich, als (10. Oktober 1881) ein neuer Brand ausbrach. Im brennenden Hause Nr. 2 gerieten drei Frauen in Lebensgefahr. Dem beherzten Vordringen des Ignaz Tietze, Josef Hülle, Johann Hamernik, Johann Mitscherling und Ferdinand Uhmann gelang es, die Bewußtlosen dem Flammentode zu entreißen. Für ihre Rettungstat erhielten die fünf Einwohner von Libinsdorf eine Geldprämie. Sie verwendeten das Geld zur Bezahlung der Feuerspritze.
Im Jahr 1887 wurde eine freiwillige Feuerwehr begründet.
Im Jahr 1816 wütete eine Typhusepidemie im Dorf und raffte viele dahin. Als sie im Monat November um Maria Opferung erlosch, dankten sie Gott und begingen seitdem den 21. November (Maria Opferung) als Gedenkund Feiertag. Sie besuchen an diesem Tage die Kirche, wo ein Hochamt gelesen und eine deutsche Predigt gehalten wird. Im Jahr 1882 wurde an Stelle des alten, morschen Holzgestelles für die Dorfglocke ein gemauertes Glocken- und Feuerspritzenhaus aufgebaut, das 1883 eine neue Glocke erhielt.
Als Libinsdorf am 15. September 1889 eine Gedächtnisfeier seines hundertjährigen Bestandes beging, hatte sich die Häuserzahl mehr als verdoppelt. 1790 waren es 20, 1889 bereits 46. Der Grundbesitz konnte etwas vergrößert werden, da 1884 über 33 Joch (historisches Flächenmaß; die genaue Größe hing von Ort und Zeit ab) herrschaftlicher Wald (Clam Gallas) abgeholzt und an Dorfinsassen verkauft wurde.
1945 sind folgende deutsche Besitzer im Ortskataster verzeichnet:
Nr. 9 und 28 Josef Mitscherling, 8,00 ha.
Nr. 10 Johann Jäger, 7,50 ha.
Nr. 11 Johann Opat, 7,00 ha.
Nr. 17 und 8 Ignaz Neumann, 11,00 ha.
Nr. 21 und 30 Ignaz Neumann, 10,00 ha.
Nr. 22 Johann Uhmann, 7,35 ha.
Nr. 23 und 47 Franz Mitscherling, Gastwirt, 15,00 ha.
Nr. 24 Franz Duffek, 8,00 ha.
Nr. 25 Josef Hülle, 12,00 ha.
Nr. 27 Johann Neumann, 15,00 ha.
Nr. 33 Johann Kesler, 3,50 ha.
Nr. 38 Johann Fischer, 1,00 ha.
Nr. 39 Josef Fiedler, 4,50 ha.
Nr. 43 Josef Brosch, 3,00 ha.
Die Gemarkungsfläche war 303 ha groß. Als selbstständige Gemeinde hatte der Ort 1939 sechs deutsche und 6 tschechische Gemeinderäte. Die Schule war im Ort, die Pfarre, Post und Gendarmerie waren in Münchsberg (Vojnov Mestec), die Bahnstation in Zdirec-Kreuzberg.
